Aalbesatz in Niedersachsen

Wasserkraftwerke und fehlende Durchgängigkeit, massiver illegaler Glasaalhandel, Kormorane – der Europäische Aal (Anguilla anguilla) kämpft gleich auf mehreren Fronten ums nackte Überleben.

Eine der faszinierendsten Wanderfischarten, einst Speisefisch Nr. 1, wurde durch den Menschen derart dezimiert, dass die Glasaalvorkommen an Europas Küsten Anfang der 2000er Jahren um mehr als 95% zurückgegangen waren.
Rote Liste 1, vom Aussterben bedroht – das war die logische Konsequenz.

Mithilfe ihrer Aal-Bewirtschaftungspläne und verpflichtenden Besatzmaßnahmen für alle Mitgliedsstaaten will die EU wiedergutmachen, was über Jahrzehnte zerstört worden ist. Wie Niedersachsens Angelvereine dabei mithelfen, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Projektleiter: Ralf Gerken (m.emmrich@av-nds.de)

Teurer als Koks und Elfenbein
Mehr als 6.000 USD zahlten Händler auf dem asiatischen Markt 2017/18 für ein Kilogramm Glasaale, die knapp 10cm großen Jugendstadien des Europäischen Aals.
Nachdem die eigenen Bestände für den Verzehr und die Mast vollkommen überfischt waren, etablierten Händler Aal-Schmuggelringe, die von Spanien, Frankreich, Griechenland und England operieren. Jedes Jahr schleusen sie geschätzte 100 t – das sind etwa 300 Millionen Glasaale – von Europa nach Asien.

Eine Milliardenfracht in gekühlten Styroporbehältern, verpackt und transportiert in ganz normalen Reisetaschen und Koffern.

Bei einer Marge von mehreren Hundert Prozent schrecken die relativ moderaten Geld- und Gefängnisstrafen (2 Jahre, 25.000 EURO) viele Händler offenbar nicht ab. Immer wieder konfisziert der Zoll illegale Aal-Lieferungen – zuletzt auch auf deutschen Flughäfen.

Gehäckselt – Gebrochen – Zerquetscht 
Nach 15-30 Jahren im Süßwasser wandern die laichfähigen Aale, dann Blankaale genannt, die Flüsse hinab und ins Meer. Soweit der Idealfall.

Allein in Niedersachsen aber behindern mehrere tausend Querbauwerke, darunter hunderte kleiner und großer Wasserkraftanlagen, die Wanderung. Experten schätzen, dass nur etwa 10-30% der Aale, die ein größeres Kraftwerk erreichen, unbeschadet durch die Turbinen kommen – allen scheinheiligen Versprechungen der Kraftwerksbetreiber zum Trotz.

Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben Dutzende Blankaale nach der Passage der Turbinen geröngt und erschreckende Schadbilder entdeckt: Mehr als 50% erleiden mittlere bis starke Verletzungen, die ein Weiterschwimmen erschweren oder gar unmöglich machen.

Allein in der Weser versperren vier Großkraftwerke den Weg. Wenn also rein hypothetisch 100.000 Aale in der Oberweser starten, passieren im günstigsten Fall 30.000 das erste Kraftwerk unbeschadet, 9.000 das nächste, 2.700 das Ditte, und nur gut 800 erreichen schließlich das offene Meer.

Besatz – die IdeAALlösung?
Unter Experten und Anglern wird häufig diskutiert, ob es denn aufgrund des Schmuggels sinnvoll sei, Glasaale für den Besatz in hiesigen Gewässern abzufischen.
Vieles spricht dafür: Werden die Jungaale etwa in Frankreich am späten Abend oder nachts gefangen, werden sie sofort in mit Sauerstoff angereicherte und gekühlte Spezialbehälter verpackt, auf schnelle Lieferwagen geladen und erreichen spätestens 24 Stunden nach dem Fang ihre neue Heimat.

Andernfalls würden sie noch einige Wochen im Mündungsbereich großer Flüsse heranwachsen und Kraft sammeln müssen für ihre gefährliche Wanderung stromauf.
Das Besatzprogramm bietet ihnen gleichsam einen “Express-Aufstieg ohne Feindkontakt” mit Kraftwerken, Fressfeinden, Verschmutzungen, etc.
Die Sterberaten auf dem Transport liegen bei weniger als 5%. Die Überlebensrate der Glasaale in ihren neuen Heimatgewässern ist sehr hoch.

Allein in Niedersachsen besetzen Angelvereine des AVN jährlich über 2,5 Millionen Aale in die von ihnen betreuten Gewässer. Das Land und die EU übernehmen die Hälfte der Kosten, die andere Hälfte trägt der Verein.

Grund zur Hoffnung?
Die jahrelangen Besatzmaßnahmen scheinen an Niedersachsens Flüssen Wirkung zu zeigen: Bestandserhebungen deuten für Ems und Weser darauf hin, dass die Bewirtschaftungsvorgaben der EU für den Aal erreicht sind und die Population sich langsam erholt. Aal-Sorgenkind ist die Elbe, wo sich die Bestände noch nicht wieder ausreichend gefestigt haben.

Umsetzung Wasserrahmenrichtlinie
Der AVN beharrt seit Jahren gegenüber der Landespolitik auf seiner Forderung nach einer konsequenten Umsetzung der Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie – kurz WRRL.
Die soll u.a. die Durchgängigkeit unserer Flüsse wieder herstellen – eine Mammutaufgabe. Für deren Gelingen müssten nicht nur knallharte politische und rechtlich bindende Vorgaben an die Kraftwerksbetreiber gemacht, sondern auch erhebliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden. Die EU droht mit Vertragsverletzungsstrafen in dreifacher Millionenhöhe, wenn die ökologische Durchgängigkeit nicht bis 2027 wiederhergestellt ist.

Im Dezember 2020 wollte die Nds. Landesregierung das Thema WRRL endlich angehen – die EU-Richtlinie stammt immerhin von 2002…
Wir sind gespannt und werden den Prozess begleiten und an unseren Forderungen festhalten.