AVN koordiniert landesweiten Aalbesatz - fast 2 Millionen Aale besetzt

In Niedersachsen wächst das Engagement der Angelvereine für den Aal weiter an: Von gut 200.000 Aalen im Jahr 2011 auf jetzt 3,2 Millionen Besatzaale mit einem Gesamtgewicht von über 4,1 Tonnen.
Fast 190.000 EURO wenden die im AVN organisierten Vereine dafür aus eigenen Mitteln auf. EU und Land steuern weitere 60% der Besatzkosten bei. Die Förderung ist Teil der Aalinitiative der EU im Rahmen der europäischen Aalbewirtschaftungspläne. Sie soll den Negativtrend in der Bestandsentwicklung stoppen und die Zahl der laichfähigen Aale wieder auf ein stabiles Niveau bringen.

Aale unterwegs – von Biarritz nach Bramsche

Seit 15 Jahren koordiniert Ralf Gerken beim AVN den Aalbesatz für große Teile Niedersachsens: „Wir kaufen die Glasaale über einen Fischhändler von zertifizierten Fischereibetrieben im Südwesten Frankreichs. Dort werden sie in den Abendstunden und nachts in den Flussmündungen gefangen und sofort in gut gekühlte Styroporkisten verpackt. Ungefähr 24 Stunden später erreichen sie unseren ersten Übergabepunkt in der Nähe von Osnabrück, bei Bramsche“, berichtet der Naturschutzexperte.
In Bramsche hatten sich gestern Angler verschiedener Ortsgruppen der Niedersächsisch Westfälischen Anglervereinigung (NWA) pünktlich versammelt, um ihre wertvolle Fracht in Empfang zu nehmen. Nur wenige Stunden später waren die ersten 20 kg Aale im Wasser.
Geeignete Fließgewässer, Gräben und Kanäle kommen als Besatzgewässer infrage,  damit die Aale in 10 – 20 Jahren die Chance haben, als laichfähige Tiere die Nordsee zu erreichen. Baggerseen und andere Stillgewässer scheiden also meistens als Lebensraum aus.

 

AVN-Aalexperte Ralf Gerken (li. hockend mit Kladde) prüft die Styroporkisten mit Glasaalen für die NWA an der ersten Übergabestelle in Bramsche.

Zwei Aal-Touren durch ganz Niedersachsen

Über die A1 geht die Reise der Glasaale weiter nach Fischerhude, früher das Aal-Mekka Niedersachsens. Bis ins 19. Jahrhundert war hier der Aal der Brot- und Butterfisch für Tausende von Menschen.
Nächste Stopps: Seevetal, Buxtehude, Stade, Osten und Odisheim. Um 15:15 Uhr schließlich erreichen die letzten Glasaale ihre neue Heimat rund um Loxstedt.

Parallel zu dem Transport ab Bramsche reisen weitere 315 kg Aale durch den Südosten Niedersachsens auf dem Weg zu ihren Besatzgewässern. „Am 26. März verteilen wir fast 600 kg Glasaale in Niedersachsen, das sind über 1,8 Millionen Fische“, berichtet Ralf Gerken. Dazu kommen im Frühsommer noch einmal etwa die gleiche Zahl an so genannten Farmaalen. Sie wurden ebenfalls als Glasaale gefangen und anschließend aufgepäppelt, bis sich ihr Gewicht auf etwa 3 g verzehnfacht hat.

Aalbesatz - AVN koordiniert Besatz mit Glasaalen in Niedersachsen

Minutiös geplant: Jeder Besatzhelfer erhält präzise Hinweise zu Treffpunkt, benötigten Behältern, zum handling und Transport der Glasaale, Empfehlungen für geeignete Besatzstellen, etc., damit die empfindlichen Jungfische so schonend wie möglich besetzt werden können.

Wasserkraftwerke werden für Blankaale zur Todesfalle

Trotz des immensen Aufwandes weiß Gerken genau, dass der Besatz nur eine Übergangslösung ist bei der Rettung des Aals. „Wissenschaftliche Studien belegen, dass mehr als 20% der großen Blankaale getötet werden, die beim Abstieg aus unseren Flüssen Richtung Meer eine Wasserkraftanlage passieren. Ein weiterer hoher Prozentsatz wird in den Turbinen derart schwer verletzt, dass er die Reise durch den Atlantik nicht überlebt. Das ist eines der größten Verbrechen an der Natur überhaupt, und wir nehmen es billigend in Kauf, denn wir müssen es ja nicht mit ansehen, weil es unter Wasser stattfindet“, schlussfolgert der Aalexperte beim AVN.
Allein in der Weser werden nach moderaten Schätzungen jährlich rund 120 Tonnen abwandernde Blankaale durch Wasserkraftanlagen getötet. Das entspricht einer Zahl von mehreren hunderttausend getöteten Tieren. Und das, obwohl der Beitrag der Wasserkraft zur Stromversorgung Deutschlands bei gerade einmal 3% liegt.
„Wir brauchen dringend verbindliche Vorgaben für die Betreiber der Anlagen, dass die Turbinen zur Hauptwanderzeit der Aale und anderer Wanderfische abgeschaltet werden oder zumindest wesentlich langsamer laufen“, empfiehlt Gerken. Die installierten Fischwanderhilfen wie Fischtreppen seien in den allermeisten Fällen absolut ungeeignet und nicht funktionsfähig, so der Naturschutzfachmann.

 

Lukrative Schmuggelware

Als wäre das nicht genug, werden jedes Jahr etwa 30 Tonnen Glasaale illegal nach Asien verfrachtet. Der Export der bedrohten Fischart ist seit 15 Jahren seitens der EU streng untersagt. Trotzdem finden Schmuggler Wege, die Tiere im Bordgepäck zu transportieren. Nur Wenige gehen den Zollfahndern ins Netz. Die Margen sind enorm: Kilopreise wie für Elfenbein und Kokain auf den asiatischen Märkten sind ein gewaltiger Antrieb. Verkauft werden nicht die Glasaale, sondern angefütterte Aale ab etwa 30 cm Länge.

Aalbesatz - AVN koordiniert Besatz mit Glasaalen für Niedersachsen

Etwa 30 t Glasaale, das sind 100 Millionen Fische, werden pro Jahr nach Asien geschmuggelt vermuten Experten. Dort werden sie nicht gleich verzehrt, sondern auf eine speisefähige Größe aufgepäppelt. Händler erzielen dann Kilopreise von über 6.000 USD – mehr als für Kokain oder Elfenbein.

Aal-Fangverbot in Küstengewässern statt konsequente Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie

Neben natürlichen Feinden, Krankheiten und Parasiten hat auch die berufliche und die Freizeitfischerei einen Einfluss auf unsere Aalbestände durch die Entnahme von Fischen für den Verzehr. Auf wissenschaftliche Empfehlung hin gibt es zum Schutz der Bestände deshalb seit dem Jahr 2023 in norddeutschen Küstengewässern über einen Zeitraum von mehreren Monaten ein Aalfangverbot, so auch in Niedersachsen.
Der AVN sieht diese Beschränkungen der Freizeitfischerei sehr kritisch. Die Freizeitfischerei und die berufliche Fischerei müssen den Kopf hinhalten, während strengere Auflagen für Betreiber von Wasserkraftanlagen im Sinne des Fischartenschutzes offenbar nicht zur Debatte stehen. Geschweige denn die konsequente Umsetzung EU-Wasserrahmenrichtlinie zur Herstellung der Durchgängigkeit unserer Fließgewässer.

 

Hoffnungsschimmer für den Aal

Alle drei Jahre müssen Forschende im Rahmen des EU-Aalförderprogrammes Berichte zum Zustand der Aalbestände in den Fließgewässersystemen Norddeutschlands erstellen. In Niedersachsen sind das die Einzugsgebiete der Ems, der Weser und der Elbe. Zielvorgabe der EU ist das Erreichen von 40% der Blankaal-Stückzahlen im Vergleich zu denen aus den 1990er Jahren. Die aktuellste Analyse stammt aus dem Jahr 2024 und bestätigt, dass in sechs von neun Flussgebieten Norddeutschlands diese 40% ohne Besatz nicht erreicht werden könnten. In einigen Flüssen rekrutiert sich die Aalpopulation zu mehr als 80% aus Aalen, die als Glas- oder Farmaale von Angelvereinen, Fischern und anderen Parteien besetzt wurden.
„Die Untersuchungen bestätigen, dass wir mit konsequentem Besatz die Population des Aals in Norddeutschlands Gewässern stabilisieren und vielleicht sogar etwas erhöhen können. Angelvereine spielen hier eine ganz entscheidende Rolle“, so Gerken. Nachhaltig sei das allerdings nicht. „Wir müssen dringend die ökologische Durchgängigkeit unserer Fließgewässer wieder herstellen. Dazu haben sich die Mitgliedsstaaten der EU seit 2000 verpflichtet – auch Deutschland.
Passiert ist so gut wie nichts. Nur 3% unserer Fließgewässer in Niedersachsen sind in einem guten ökologischen Zustand. Die konsequente Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie ist der Schlüssel – nicht nur zur Rettung des Aals.“