Das Paarungsspiel der Flussneunaugen

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Jährlich Mitte April ist der Höhepunkt der Laichzeit des Flussneunauges (Lampetra fluviatilis). Die urzeitliche Vorstufe unserer Fische lebt seit Jahrmillionen in unseren Gewässern und hat sich seitdem kaum verändert: Ein dem Aal ähnlicher Körperbau, aber statt eines Kiefers besitzt dieser bis zu 40 cm lange Unterwasserbewohner eine runde Mundscheibe mit raspelähnlichen Zähnen. Die Rundmaulart gilt als gefährdet, Laichplätze sind schwer zu finden. Unser AVN-Mitarbeiter Ralf Gerken hat die lebenden Fossilien jedoch kürzlich bei der Paarung in Bächen des Wümmegebiets entdeckt und die verschiedenen Stufen der Hochzeit in einem Video dokumentiert. Sowohl das Liebesspiel als auch die Lebensweise sind erstaunlich.

 Woher hat das Neunauge seinen Namen?

Fluss- und Bachneunaugen haben an ihrer Körperseite sieben runde Kiemenöffnungen und am Kopf ein Augenpaar. Zählt man diese zusammen, kommt man auf neun augenähnliche Öffnungen. Daher der Name Neunauge. Fun Fact: Die Tiere haben ein einzelnes Nasenloch in der Kopfmitte. Warum man sie dann nicht gleich Zehnauge genannt hat, ist nicht überliefert. Neunaugen sind übrigens keine Fische, sondern gehören zu den Rundmäulern.

So paaren sich Flussneunaugen

Lampetra fluviatilis achtet bei seinem Nachwuchs auf höchste Sicherheit, Sauberkeit und Qualität: Damit die Eier nicht verpilzen, verschlammen und immer genügend Sauerstoff bekommen, müssen diese ständig mit frischem Wasser überspült werden. Auch sollen sie vor gierige Fressfeinden geschützt werden. Also suchen die Elterntiere flache, strömungsstarke Bachbereiche mit kiesigem Untergrund auf. In 20 bis 40 cm Tiefe bauen sie eine Laichgrube und darum aus größeren Steinen einen Wall. Mit starken Schwanzschlägen säubern sie das Substrat von Schwebstoffen. Ist das Nest sauber und der Schutzwall hoch genug, saugt sich das Weibchen mit seinem Maul an einem unbeweglichen Stein fest. Das Männchen umschlingt seine Partnerin. Beide geben Eier und Sperma direkt ins Wasser ab. Die befruchteten Eier sind klebrig und bleiben im Lückensystem des Kieswalls haften: So werden sie nicht fortgespült und Fressfeinde werden abgehalten. Die Strömung versorgt das Gelege mit Sauerstoff und beseitigt störende Feinstpartikel. Mama und Papa Neunauge ziehen getrost von dannen und sterben.

Vier Jahre lang blind fressen!

Nach ein paar Tagen bis Wochen schlüpfen die kleinen Larven: genannt Querder. Die wurmähnlichen, augenlosen Tierchen werden in strömungsschwache Bereiche getragen. Hier graben sie sich mit dem Schwanz voran in den schlammigen Boden ein, bis nur noch der Kopf herausguckt. Nun heißt es: fressen, fressen, fressen! Drei bis vier Jahre lang filtern die kleinen Larven das Wasser und nehmen dabei Plankton und organisches Material auf – bis sie etwa 15 cm groß sind. Danach durchlaufen sie eine Metamorphose, während der sie sich zum ausgewachsenen Flussneunauge entwickeln.

Unappetitliche Lebensweise als Teenager

Die jungen Flussneunaugen wandern mit der Strömung zum Meer. Hier legen sie dann eine etwas unappetitlich anmutende Lebensweise an den Tag: Mit ihrem Raspelmaul befallen sie Fische und Meeressäuger und ernähren sich von ihren Wirten parasitär. Mit der Geschlechtsreife stellen die Tiere die Nahrungsaufnahme ein und wandern zurück in die Flüsse. Nach der Winterruhe paaren sie sich, um danach zu sterben.

Eine gefährdete Art

Durch ihre verschiedenen Lebensraumansprüche in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen leiden Flussneunaugen gleich mehrfach unter menschenverursachtem Lebensraumverlust. Wie alle heimischen Neunaugen sind auch sie als besonders geschützte Art gelistet und unterliegen dem Schutz der europäischen FFH-Richtlinie. Ein Grund mehr, Fließgewässer wieder naturnäher zu gestalten und Querverbauungen abzubauen. Der AVN setzt sich dafür ein. Auch unsere Angelvereine führen Renaturierungsmaßnahmen durch, die nicht nur Angelfischen, sondern auch bedrohten Rundmäulern zugutekommen. Das Land Niedersachsen (LAVES, Dezernat Binnenfischerei) erfasst im Rahmen des landesweiten FFH-Monitorings regelmäßig die Bestände von Lampetra fluviatilis. Auch in diesem Jahr wurden unter anderem die Wümme und mehrere Nebenbäche eingehend untersucht.

Video: Flussneunaugen in flagranti – Ein „flotter Dreier“ mit einem Bachneunauge?

In diesem Video sieht man die unterschiedlichen Stufen der Flussneunaugen-Paarung. Besonders: Zu dem hier gefilmten Pärchen hat sich noch ein Bachneunauge (Lampetra planeri) dazugeschmuggelt. Die deutlich kleinere Art scheint des Öfteren die Laichgruben ihrer größeren Artverwandten für ihr eigenes Laichgeschäft mitzunutzen. Bachneunaugen werden nur bis zu 20 cm groß, leben als ausgewachsene Tiere nicht parasitär und wandern auch nicht.