
5 Tage mit Wassertemperaturen von 30°C – 32°C waren zu viel für Hunderte von großen Hechten (Esox lucius) im Steinhuder Meer. Bei den Opfern der jüngsten Hitzewelle handelt es sich nahezu ausschließlich um Hechte von 60 cm Länge und mehr. Mitglieder des Angelsportvereins Steinhude, Mitarbeiter der Stadt Wunstorf und Dr. Matthias Emmrich vom AVN haben in den vergangenen Tagen immer wieder auf dem See und in den Uferbereichen tote Fische geborgen. Die Kadaver wurden in bereitgestellte Container zur Entsorgung gebracht.
Heute, am 02. Juli, war AVN-Verbandsbiologe und Raubfischexperte Dr. Matthias Emmrich mit einem Team des NDR und SAT1 auf dem Steinhuder Meer unterwegs, um das Hechtsterben zu dokumentieren.
Ihr könnt euch den Beitrag von SAT1 hier anschauen.
Die wichtigsten Hintergründe und Schlussfolgerungen des großen Fischsterbens fassen wir hier für euch zusammen.
Wie kam es zu diesem rätselhaften Fischsterben, dem ausgerechnet so viele große Hechte zum Opfer gefallen sind?
Drei Faktoren kamen in den letzten heißen Tagen zusammen:
(1) Die extrem hohen Wassertemperaturen von 30°C und mehr über mehrere Tage in Folge.
(2) Niedersachsens größtes Stillgewässer ist ein Flachsee, im Durchschnitt nur 1,4 m tief. Wind und Wellen durchmischen ständig den gesamten Wasserkörper. Von der Oberfläche bis zum Seegrund – überall ähnlich hohe Temperaturen. Die Hechte hatten keine Chance, in tiefere Bereiche mit kühlerem Wasser auszuweichen. Das machen sie etwa in tieferen Baggerseen während einer Hitzeperiode.
(3) Hechte sind im Vergleich etwa zu anderen großen Raubfischen wie Zander (28°C) oder Wels (>30°C) wesentlich temperaturempfindlicher. Wassertemperaturen von 23°C und mehr über einen längeren Zeitraum sorgen für erheblichen Stress bei den Tieren.
Wieso sind überwiegend große Hechte von 60 cm und mehr verendet?
Dazu Matthias Emmrich: „Wir gehen davon aus, dass die großen Hechte sind quasi an Organversagen gestorben, weil Kiemen und Herz den Körper nicht mit genug Sauerstoff versorgen konnten. Im Vergleich zu kleineren Exemplaren ist bei großen Fischen das Verhältnis der Kiemenoberfläche und der Herzleistung zur Gesamtkörpermasse ungünstiger. Große Fische brauchen ohnehin mehr Sauerstoff, um ihren Stoffwechsel und die Organfunktionen aufrecht zu erhalten. Wenn jetzt hohe Wassertemperaturen für Stress sorgen, steigt der Sauerstoffbedarf weiter. Dann reichen eigentlich recht guten Sauerstoffwerte um 7mg/l, die wir gemessen haben, nicht mehr aus, um einen großen Hecht am Leben zu erhalten.“
Die Folge sei eine „physiologische Hypoxie“, also die kritische Unterversorgung von Zellen und Gewebe mit Sauerstoff, so Emmrich. Dass überwiegend große Individuen einer Art bei Hitze und Sauerstoffmangel sterben, wurde bereits für viele Fischarten beschrieben (Müller et al. 2023). Die aktuellen Ereignisse im Steinhuder Meer zeigen, dass solche Phänomene auch für Hechte in flachen Gewässern zutreffen.
Bestand an großen Laichhechten massiv geschädigt
Selbst an den heißesten Tagen Ende Juni mit extremen Wassertemperaturen hat der AVN-Verbandsbiologe Sauerstoffwerte zwischen 6,5 und 7,8 mg/l gemessen.
Vergleichsweise günstige Werte, die dazu führten, dass nicht auch andere Arten und kleinere Fische im Steinhuder Meer in großer Zahl gestorben sind. „Neben den toten Hechten konnten wir nur vereinzelt tote Flussbarsche und Quappen nachweisen. Aber der Verlust der großen Laichhechte ist natürlich unheimlich bitter“, resümiert Matthias Emmrich. Eventuell könne es Jahre dauern, bis sich der Bestand erholt hat. Aufgrund der massiven Verluste soll die Angelei auf den für das Ökosystem so wichtigen Raubfisch Hecht zunächst eingestellt werden. „Hechte sollen nicht gezielt beangelt und Beifänge so schonend wie nur möglich zurückgesetzt werden, bis wir abschätzen können, wie stark der Hechtbestand tatsächlich geschädigt wurde.“ kündigt Emmrich an. So könne jeder Raubfischangler einen Beitrag zur Bestandserholung leisten.
Hechtbestand wird unter die Lupe genommen
Genaue Untersuchungen zum Ausmaß des Hechtsterbens plant der AVN für den Spätsommer/Herbst. Hoffnung machen die kleinen Hechte, die Raubfischexperte Emmrich bei seinen Ausfahrten auf dem Steinhuder Meer beobachten konnte.
Als Fischereipächter gilt der Dank des AVN der Region Hannover, der Stadt Wunstorf, dem NLWKN und dem Amt für Regionale Landesentwicklung Leine-Weser. Alle Beteiligten haben schnell und professionell reagiert und quasi auf Zuruf Daten, Infrastruktur, Manpower und finanzielle Mittel für die fachgerechte Entsorgung der toten Hechte zur Verfügung gestellt.
Ein besonderes Dankeschön gilt den Anglern des Angelsportverein Steinhude, die über Tage ehrenamtlich im Einsatz waren und tote Fische geborgen und dokumentiert haben.
Literatur
Müller J., Houben N., & Pauly D. (2023) On being the wrong size, or the role of body mass in fish kills and hypoxia exposure. Environmental Biology of Fishes (2023) 106:1651-1667